Dienstag, 29. August 2017

Lust und Frust des einfachen Lebens

Neulich, wir sassen bei einem üppigen Nachtessen im Restaurant, fragte ich in die Runde meiner Freunde: «Habt ihr nicht manchmal auch die Sehnsucht nach dem einfachen Leben? Ursprünglich? Nicht so kompliziert. Nicht so luxuriös ...»
«Nein, eigentlich nicht» – allgemeines Kopfschütteln.
Sachte liess ich das Thema für den Moment unter den Tisch fallen.
Aber innerlich ist es für mich präsent, immer mal wieder.

Wie schön, eine Welt, in der Handschlag und ein Wort etwas gelten. Verträge nichts weiter sind als unnötige Bürokratie. Nicht ständiges Getriebensein, sondern «eis ums anderi i aller Gmüetsrueh». Zeit für Natur, Muse für Gedanken. Ruhe fürs Auge, Stille fürs Herz. Einfach leben. So stell ich mir das vor.

Gestern kam ich zurück, eine Weile verbrachte ich auf der Glattalp im Muotathal. Das erste Mal überhaupt war ich in diesem Schwyzer Bergtal. Endlich wieder einmal Alpenluft schnuppern und steinige Wege unter den Wanderschuhen. Einfach leben! Und meine Freundin wiedersehen, die diesen Sommer dort oben arbeitet und einfach lebt.
Herrlich.

Das Berggasthaus Glattalp ist auch ein gesegneter Ort, eingebettet in eine Felsenwelt, zwischen der Bergstation Seilbahn Sahli und dem Glattalp-See. Die Sterne so nah. Die Landschaft so karg, die Wiesen von unzähligen Ziegen  und Kühen kurz gefressen. Viele Kuhfladen, noch mehr «Geissebömbeli». Ruhe fürs Auge, hier ist sie. Und auch die Stille, nur von Tierglocken durchbimmelt. 

Frieden finden. Wäre möglich ... wenn nur, tja, *gopf*, mich juckt's. Nach dem schwitzigen Aufstieg sehnt sich mein Körper nach einer Dusche, die es nicht gibt. Der See ... ich rein?! Neeee!!! «Häsch chli eine, viiiel z chalt!» So weit geht meine Bergliebe nicht, dass ich auf über 1800 m. ü. Meer in einen Bergsee springe. Auch im August nicht. Somit bleibt mir der «Wäschlumpe» und eiskaltes Wasser aus dem Hahn im kleinen Gemeinschaftswaschraum. «Nöd heikel si, nöd wahr» – Augen zu und durch. Das Shampoo will einfach bei diesen Temperaturen nicht aus meinen feinen Haaren, schon klar. Strähnige Fäden zusammenbinden und hoffen, keiner schaut genau hin. Die Achseln zusammenklemmen aus Sorge, der Waschlappen war nicht gründlich genug. Bloss nicht stinken. So wurde ich mein Leben lang «getunt».

Tanja und keine Dusche weit und breit. Meine Begeisterung für das einfache Leben schwindet spürbar, die Sehnsucht nach heissem, ausgiebigem Duschen steigt. Das perfekte Steak vom Grill versöhnt mich wieder. In diesem Berggasthaus schmeckt echt alles, was aus der Küche kommt: fein, um nicht zu sagen oberlecker. Die Gastgeber sind allesamt unkompliziert, humorvoll und echt nett. Eine super tolle Mischung, welche diesen Ort nur noch mehr verzaubert.

In Santiago de Compostela, noch keinen Monat ist es her (hier geht's zum entsprechenden Blogpost), dachte ich auch mit einer gewissen Sehnsucht an ein einfaches Leben: Rucksack packen und ein paar Wochen auf Wanderschaft gehen auf dem berühmten Jakobsweg  das müsste doch unglaublich toll und erlebnisreich sein!
Doch, frisch geduscht jetzt wieder zu Hause, weiss ich: Tanja, das könnte Dir nach spätestens 36 Stunden ziemlich stinken. Im wahrsten Sinn des Wortes. Stinkende Schuhe, schweissige Shirts, kaltes Wasser, keine Garantie auf eine warme, saubere Dusche ...

Ich glaube, ich mache langsam aber sicher ein Kreuz über diese Wanderromantik, dick und fett über diese Vorstellung des einfachen Lebens. Diese Nebenwirkungen sind nicht mein Ding. Und doch sind sie der unweigerliche Preis für ein solches Leben. Wiedermal ein paar Stunden reinschnuppern, gerne! Aber wochenlang?? Dafür bin ich wohl zu alt geworden – und zu kompliziert.

PS: Die Angestellten des Berggasthauses haben eine Dusche und stinken im Fall nicht ;-) Und jederzeit würde ich wieder eine Nacht in dieser Bergromantik verbringen, nur nicht zwei hintereinander ...


Berggasthaus Glattalp - losmarschieren & geniessen

Glattalp-See: Eine Umwanderung braucht ca. 2 Stunden.

Freitag, 18. August 2017

Mörderfahrer! Oder: Mein Rückzug in die heile Welt

Da stand ich auch schon. Hier lachte ich auch schon.
Und nun liegen da tote Menschen, ums Leben gefahren. In der Fussgängerzone der Ramblas, im Herzen von Barcelona. Mein Herz füllt sich mit Tränen. Schreien möchte ich – und am liebsten nie wieder aufhören, wenn es etwas nützen würde.

Verstehen kann ich es nicht, niemals. Mit nicht der kleinsten Spur kann ich nachvollziehen, wie ein Mensch es mental und emotional schafft, mit seinem Auto in andere Menschen zu fahren. Wie ist so etwas nur möglich ... Wer ist da unterwegs? Ein Monster? Darf ich daran erinnern, dass kein Wesen auf dieser Welt so grausam sein kann. Kein Wesen sonst tötet nur aus Spass – schon gar nicht aus religiösen oder fanatischen Überzeugungen.

Ich schäme mich zutiefst, auch zu dieser Spezies zu gehören. Und immer wieder frage ich mich: Wie ist das möglich?! Heute geht mir die Abartigkeit mancher Menschen wieder mal besonders nah. Mich friert. Bei 26 Grad und Sonnenschein. Meine Wut, meine Angst  so unnütz.

Manchmal würde ich mich am liebsten einfach betäuben, vielleicht betrinken, und aus dem Delirium nicht mehr komplett aufwachen. Nur noch benebelt durch die Welt gehen, nicht mehr so mitfühlen, nicht mehr derart mitdenken, nicht mehr hinterfragen ... Ja, so geht es mir manchmal. Beispielsweise heute. 

Ich verkrieche mich. Je mehr Terror in der Welt geschieht, desto deutlicher beobachte ich an mir die Tendenz, meine heile Welt zu geniessen. Den Garten, der so bünzli-schweizerisch gepflegt vor sich hinblüht. Ich liebe ihn. Barfuss über den Rasen gehen, spüren, wie die frisch gestutzten Gräser an der Fusssohle sanft stupfen. Versinken in die Welt, in der die ärgsten Feinde die Schnecken an den Salatköpfen sind oder die Würmer in den Äpfeln. Bloss nicht mehr viel weiter gehen. Hier bleiben. 

Menschenmengen vermeiden. Wie oft hatte ich dieses Jahr schon den Gedanken: «Das wäre jetzt so eine Crowd für gezielte ...» – Den Gedanken würgte ich jedes Mal nieder und blieb mit einem Kloss im Hals stehen. Nicht daran denken und nach dem Event heil nach Hause zurückkehren. Danke.


Zum Glück weiss ich, dass morgen die Sonne wieder aufgeht, über einem neuen Tag. Und dass ich dann mit etwas Abstand wieder Boden unter den Füssen finde, heilen Boden, gesunden Boden, meinen Boden. Meinen Rasen. Ich schaue in die Augen der Menschen, die ich liebe, und will mit ihnen wieder durch die Strassen gehen. Wieder lachen, wieder ausgelassen sein. Überall, nicht nur in der heilen Gartenwelt. Ja, dafür bete ich – und auch für die Menschen, welche nicht so viel Glück hatten und nie mehr heil nach Hause zurückkehrten. Bei Ihnen sind meine Gedanken, mein Mitgefühl.

Friedliche Ramblas-Stimmung in 2016

Freitag, 11. August 2017

Galicien: eine Reise wie eine rauschende Fiesta

Spanier verstehen zu feiern, schon klar. In diesem Land steht hinter dem Haus oftmals ein weiteres Häuschen, eine Art Outdoor-Küche, in der Luxusvariante mit eigenen vier Wänden und Dach. Ein extra Fiesta-Häuschen, wie mir scheint. Davor  und manchmal darin – eine Feuerstelle. Am 5. August verbrachte ich einen Abend, oder eher die halbe Nacht, in einem solchen Häuschen, mit etwa drei Feuerstellen vor und einer total eingerichteten Küche drinnen. 

Was ist es, was eine berauschend fröhliche Fiesta in Spanien ausmacht?
Ausgelassenes Lachen, eine melodiöse Sprache, von der ich nur einzelne Worte kapiere. Am liebsten würde ich mit dem fröhlichen Erzählen einfach mitsingen. Der Lautstärkepegel war hoch, die Luft roch nach Fleisch, Meerestieren, Wein und Zigaretten.
Auf dem Tisch landete eine mega Paella, in der Reis eine Zutat und viel Getier die Stars sind. Viel Spass beim Aufknacken der Krusten, Knabbern und Finger abschlecken. Das war eine Schlemmerei. Wer sich nun auf den Bauch klopfte und dankbar dachte «lecker war's», staunte ab dem folgenden Hauptgang: knusprig gebratenes Fleisch ab dem Grill, eine Art Spareribs, einfach anders aufgeschnitten – weiter ging's mit der Knabberei. Saftige, würzige Würste gaben mir den feinen Rest. Die waren schlicht zum Niederknien. «So, nun aber», klopfte ich mir erneut auf den gefährlich geschwollenen Bauch ... und schon stand ein ganzes Blech voller Geburtstagstorte mit viel Sahne und Schokostreuseln auf dem Tisch. Nein sagen, lag nicht drin! Schliesslich waren wir geladene Gäste, wir zeigen Respekt. Ein Stück (wow, in der Grösse einer Monatsration) landete auf meinem Teller. En Guete! Zu all diesen kulinarischen Highlights kursierte die Rotweinflasche, wieder und wieder. Wurd mein Glas denn nie leer? Wohl nicht hier. 

Wir waren im Land der vollen Gläser, Essen und Getränke gehen hier nicht aus. Und dabei waren wir in jenem Teil Spaniens unterwegs, der einst als «Armenhaus Spaniens» galt: in Galicien, ganz im Norden an der Atlantikküste. Diese Fiesta war ein Glücksfall. Noch Stunden zuvor hatte ich gedacht, irgendwie müsse ich mich doch vor dieser Einladung drücken können. Die paar Tage Rundfahrt von Vigo aus über Pontevedra, O Grove, Santiago de Compostela spürte ich langsam an meinen Energiereserven. Viel mehr noch zehrten wohl die täglichen Schlemmereien, die fantastischen Biere und Weine des Landes. Zum wiederholten Male waren wir ein unschlagbares Team: gemeinsam reise-, ess- und trinkfest. 

Ach, was hätte ich doch verpasst, hätte ich mich an diesem besagten 5. August ins Bett verkrochen! Dieser Abend schenkte mir wertvolle Einblicke in familiäres Leben in Galicien. So einfach bekommt man da keinen Fuss in die Tür – und wir wurden in der ersten Minute mit Küssen begrüsst und feierten eine halbe Nacht mittendrin. Das ist Glück und ein Segen. Vielen lieben Dank an dieser Stelle an Carlos, der uns dieses und viele weitere Erlebnisse in seiner zweiten Heimat überhaupt ermöglichte! *fescht*knuddel*

Das ehemalige Armenhaus Spaniens ist teilweise noch zu erkennen. Hier ist längst nicht alles so touristisch wie im bekannten, wärmeren Süden. Ruinen, teils noch bewohnt, mitten in der Innenstadt gehören dazu. Nach ein paar Tagen gewöhnte ich mich an ihren Anblick.  Toiletten glichen in manchen Restaurants eher schmutzigen, stinkigen Schuhschachteln als einem Ort der Reinlichkeit. Nase zu und durch. Dafür haben die Spanier gelernt, Fleisch oberlecker zuzubereiten. Wir verschlangen in Santiago de Compostela zu viert ein Kilo Kuh. Die schmeckte so gut, dass wir zwei Tage später in La Coruna gleich zwei weitere Kilos davon bestellten. Die Preise sind echt, aber so was von echt okay, egal ob Essen, Trinken oder Übernachtung. Da liegt neben dem Schlemmen und Weingenuss noch der eine oder andere Shoppingabzweiger drin. *Hände*reib*&*glänzende*Äuglein*

Mit dem Mietauto erkundeten wir die Küsten. Wild, steinig, zerklüftet. Und das Meer peitscht ungebremst auf die nackten Felsen, dass die Gischt mannshoch in die Lüfte spritzt. Ich saugte alles ein, die Luft, die Kraft, die unsagbare Schönheit. Leuchttürme waren unsere Ziele, wir suchten sie und jauchzten jedes Mal auf, wenn vor uns wieder einer auftauchte. Sie unterstreichen die Melancholie, Einsamkeit und Wildheit dieser Landschaft und symbolisieren doch so viel Leben und Licht. Die Temperaturen sanken, je weiter nördlich wir fahren. Am äussersten Zipfel Spaniens blies uns der Wind fast weg, so dass es mir für den Moment den Atem raubte und ich mich erschreckt an die Wand des Leuchtturms klammerte. Bloss runter da, genug Wildheit geschnuppert. 

Nur am Rande kann ich erahnen, wie hart und schwer das Leben früher in dieser Gegend wohl gewesen sein muss – und teils für manche immer noch ist. Wir sahen unzählige Fischer, in robusten Gummistiefeln, bestens gelaunt schwatzend an ihrem Feierabend zur Mittagszeit. Das Wetter war ihnen in den letzten Tagen gnädig und auch wir genossen die Milde. Der typische galicische Nieselregen begleitete uns nur einen Tag. Die warmen Pullover blieben meist im Koffer. Ungewöhnlich für diese Region, wie ich höre.

O Grove, ooooooh Grove! Du Perle, dich haben wir zufällig entdeckt. Die Halbinsel mit einer weiteren kleinen Insel, zwischen Vigo und Pontevedra gelegen, berührte unsere eh schon begeisterten Herzen. Ein malerisches Küstenstädtchen, feinstes Essen direkt aus dem Meer und alles ist unglaublich gepflegt. Naturparadiese gibt es in Nordspanien einige. Die Cies-Inseln vor Vigo sind traumhaft schön, mit weissen Stränden und Eukalyptus-Urwäldern, und streng geschützt. Nur auf bestimmten Wegen darf die Insel bewandert, nur an gekennzeichneten Stränden gebadet werden. Ein paar Städte besuchten wir, wobei Pontevedra und La Coruna uns mit Abstand am meisten überraschten. Die romantische Altstadt und die berühmte Pilger-Kathedrale von Santiago de Compostela hielten auch sämtliche Versprechen.

Landschaft, Architektur, Schmuck und Kultur zeigen in Galicien eindeutig keltische Prägung. Manchmal weiden Schafe auf grünen Wiesen, als wären wir in Irland. Wo ist das trockene Spanien? Nicht hier. Wir fanden es wieder, als wir in Madrid zwischenlandeten und uns über 30 Grad entgegenlüfteten. So kannte ich Spanien wieder. Wie schön, wie wunderbar durfte ich eine andere Seite dieses Landes derart intensiv erleben! In der Schweiz begrüsste uns dann prompt der galicische Nieselregen. Verrückt.

Mein Tipp: Liebe Leute, fliegt dahin, mietet euch ein Auto, fahrt der Küste entlang – von Leuchtturm zu Leuchtturm oder von Restaurant zu Restaurant. Oder wechselt zwischen beidem. Alles ist es wert. 



Alte Kirche mit Ruine auf Landzunge bei Playa Foxos, Sanxenxo
Liebe Leuchttürme, wir finden euch einfach wunderbar!

Wilde, steinige Küsten mit kräftigen Wellen  herrliches Galicien.


Nicht mein Abfallhaufen, doch mein Mut für Meeresfrüchte stieg während der Reise.



Mittwoch, 26. Juli 2017

Moon&Stars - auf die Schuhe kommt es an!

Nach mehrjähriger Pause war ich dieses Jahr wieder einmal am Moon&Stars in Locarno. Piazza Grande, mitten zwischen den prächtigen Häusern, gute Musik – das alles ist echt romantisch ...

... sofern man die richtigen Schuhe trägt. Die Pflastersteine sind in keinster Weise so, wie man sie sonstwo in der Schweiz kennt. Nicht an den Seiten eckig und oben flach, sondern irgendwie auf alle Seiten uneben und rund, fast etwas gemein spitz. Und – spätestens nach den ersten 90 Minuten der Vorgruppe – schmerzen die Füsse. Wenn Du Glück hast! Mit etwas Pech spürst Du die gesamten Beine bis hinauf in die Hüften und den Rücken. *Autsch*

Tja, was soll ich sagen, spätestens auf diesem Boden merkst Du, dass Du eben nicht mehr 20ig bist. Sofern Du es eben wirklich nicht mehr bist. So wie ich.
Am Programm wird mein Alter auch deutlich. Längst kenne ich nicht mehr alle Musiker. Eigentlich kenne ich fast nur noch die «alten Hasen», welche die Bühne trotzdem noch genial rocken.

Nun fertig geklönt. Was gibt es noch über dieses berühmte Musikfestival zu berichten? Der Sternenhimmel im Tessin (Moon&Stars – der Name verpflichtet?) ist immer besonders schön und das Wetter hielt auch an meinen beiden Konzertabenden.

Trauffer, dann Gölä
Tom Odell, dann Sting
Der Erste und der Letzte gefielen mir am besten. Sting packte endlich seine alten Songs aus, auch jene von Police, und sang mit einem seiner Söhne im Duett. Stark.
Er – Sting, nicht der Sohn – sieht übrigens blendend aus. Wenn ich mit 66ig noch ähnlich fit bin, steh ich noch lange freiwillig stundenlang auf die Piazza. *Ich*schwör*

Kulinarisch ist das Moon&Stars noch strenger geworden. Eine ganze «Street» voller Ess- und Trinkstände führt von der Piazza bis fast an den See, gekrönt von einem Riesenrad. Esst euch da mal durch – halleluja. Lounges gibt es da und eine kleine Bühne, auf der ab dem frühen Abend und nach dem Hauptkonzert ebenfalls coole Musiker spielten 
 ohne Eintritt. Die Kalorien werden bei der Standing Ovation auf der Piazza und beim Schlumi danach wieder abgetanzt. Das Moon&Stars ist richtig, richtig ausgewachsen und erwachsen geworden, durchorganisiert. Das ist weder gut noch schlecht, einfach anders, wie ich finde.

In welchem Hotel ich logierte (es ist uu extrem praktisch nah!), verrate ich nicht. Denn ich will nächstes Jahr wieder ein begehrtes Zimmer ergattern. Locarno ist nie derart ausgebucht wie während des Moon&Stars. Alle verdienen daran, ein mega Event, auch die Hotels sind teurer als sonst. Aber, mal ehrlich, was soll's? Wenn es das Erlebnis selbst wert ist, dann zücken die Musikfreunde ihre Portemonnaies. Ich auch.

Eins der Highlight kam jedoch ganz ohne Bass und Trommel daher, ganz unscheinbar. Wir waren essen, bei einem mürrischen Vermutlich-über-70ig-Jährigen, und in einer Beiz, die mehr an eine Brockenstube erinnert. Hey, und wir sassen nur im Garten. Unglaublich, was der alles an die Wände und an die Balken hämmerte, vom alten Gemälde bis zum Rechen. Es gibt nur ein Menü. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Zuerst sind dies zwei ganze Salami und davon schneiden wir ab, so viel wir wollen. Salat gibt’s dazu und der schmeckt oberlecker. Penne mit einer Art Bolognese als Hauptgang. Dann wieder ein Brett, dieses Mal mit überdimensionalen Käselaiben (Selbstbedienung, das Messer liegt da). Ich könnte reinkriechen, so gut schmecken die Käse. Ein Blech mit einem Süssgebäck folgt (abschneiden, wenn noch was in den strapazierten Bauch passt) sowie drei Flaschen «Verdauerli»: Limoncello, Nocino und ein Grappa. Selber einschenken. Habe ich schon erwähnt, dass der Hauswein (es gibt den, der auf dem Tisch steht, basta) war auch köstlich. Gezahlt haben wir für dieses sensationelle Mahl dreimal Nichts – oder so ähnlich. Und das in der Schweiz. Leute, zieht es euch rein: Grotto Baldoria in Ascona. 
Hier kommt es nicht auf die Schuhe an, sondern auf den Hunger.

Street für Drinks, Food & more Music @moonandstars

Sting @moonandstars am Montag, 19. Juni 2017
Viel 
«Police» live, genial!

Fragen hilft auch nicht. Gegessen wird im  Grotto Baldoria in Ascona,
was auf den Tisch kommt.
Amen.









Sonntag, 23. Juli 2017

Unbroken – Oder was schuldet mir das Leben?

Ein Film wie ein Erdbeben. Erschütternd, prägend. Das Leben tickt für mindestens eine Weile in einem anderen Rhythmus. Das Gleiche kann dank einem Buch geschehen, oder einem Gespräch. Bei mir war es neulich dieser Film: «Unbroken».

Keine Fiktion, basierend auf echtem Leben. Und ich fragte mich während des ganzen Films: Wie viel Leid und Schmerz kann ein Mensch aushalten? Wann brechen sein Körper, seine Seele, sein Geist?
Der Olympia-Athlet Louis Zamperini hielt mehr aus als so mancher von uns. Kostprobe? Nach einem Flugzeugabsturz 45 Tage treiben auf offenem Meer – 3 Männer, zwei Gummiboote, kein Proviant, dafür unbarmherzige Sonne und gefrässige Haie. Gerettet werden die drei vom Feind, den Japanern. Gefangenenlager mit unendlichen Schikanen, quälendem Hunger, elendigem Dreck, brutaler Folter. Arbeitslager im Kohleverlad, schleppen und schuften bis zum Umkippen ...

Wann ist genug? Keiner weiss, wie er in solchen Situationen reagieren oder überleben würde. Ausser er muss. Mir war dieses Leid bereits auf dem heimeligen Sofa genug. Und ich war mir sicher: Ich hätte die erlösende Kugel längst provoziert  solche Schmerzen über viele Jahre ist mir das Leben nicht wert! Ich hätte meines aufgegeben, eingetauscht gegen Frieden. – Oder doch nicht? Wer weiss das schon.

Was schuldet das Leben mir? 
Liebe – Reichtum – Sonnenschein? Gesundheit – Familie – Freude?
Ewiges Leben für uns und unsere Liebsten?

Einige Monate ist es her, da hörte ich im Radio, Angehörige der Opfer der Germanwings-Tragödie würden bei der Fluggesellschaft Schmerzensgeld einklagen.
Trägt die Fluggesellschaft die Schuld? Hätte das Austicken des Piloten, welcher das Flugzeug in den Berg steuerte, verhindert werden können? Nicht ins Flugzeug einsteigen. Sind Flugzeuge nicht IMMER gefährlich? Autos auch. Sogar mein Velo. Einfach zu Hause bleiben?

Vor einer Weile zitterte unser Zuhause: Erdbeben. Wer zahlt bei einem solchen Unglück, wenn das Haus über allem zusammenkracht, Schmerzensgeld? Wen können wir dafür belangen? Die Versicherungen, das Schicksal, Gott?
Sind Tragödien verhinderbar? Manche, manchmal, vielleicht.

Wer trägt die Schuld am Tod? – Das Leben?
Wer trägt die Schuld an Schmerzen? – Oft wir Menschen.

Jede Tragödie bleibt und prägt. Mit oder ohne Schmerzensgeld.
Schmerzensgeld  was für ein schreckliches Wort. Als ob Geld Schmerzen heilen könnte. Keine Ahnung, ob Zamperini Schmerzensgeld erhalten hat. Als Kriegsveteran wohl eine Rente. Aber was ist mit seinem Seelenheil? Vertreibt Geld böse Träume und Erinnerungen? Lindert es Ängste? 
Was für ein Quatsch.

Schuldet das Leben mir etwas? Oder irgendjemandem?
Ich bin der Meinung: nein! Nichts.
Nicht einmal die Luft zum Atmen.

Ist nicht vielmehr alles Gute und Schöne ein Geschenk?
Wenn das Leben schenken möchte. Manchmal will es nicht. So ist das Leben.
Es schuldet mir nichts.
Zamperini wertschätzte das Leben wohl viel mehr als ich, wird mir bewusst. Nicht umsonst hatte er all das durchgestanden und überlebt. Er liebte das Leben.
Und in mir kriecht Scham hoch. Wie kann ich es nur wagen, das Leben nicht zu lieben?! Wie kleinlich sind doch meine Nörgeleien  und auf welch hohem Niveau! Bin ich denn verrückt?

Zamperini selbst erlebte die Premiere des Films «Unbroken» nicht mehr. Er starb im Alter von 97 Jahren.

Die Frage bleibt: Was braucht es, um einen Menschen zu brechen?
Wohl mal mehr, mal weniger.
Ich schaue mich um  und bin einmal mehr dankbar.

Trailer: «Unbroken»:



Printscreen aus dem Trailer «Unbroken»