Donnerstag, 29. Dezember 2016

4D-geschüttelt, nicht gerührt

Altes loslassen, Neues beginnen. Jajaaa, vor allem zum Jahreswechsel.
Loooslassen - ist das Zauberwort dieser Tage.

Wir hatten noch einen Kinogutschein loszulassen in diesem Jahr. Das ganze 2016 über hatten wir es nicht geschafft, ins Kino zu pilgern. Am 27.12. endlich. Wenn schon, dann und überhaupt, 4D-Film, ist ja klar. Muss ich die Reisetabletten *hindere*wärfe*, ist akute *Chötzelgefahr*? Etwas unruhig rutsche ich auf dem Kinosessel hin und her, inspiziere die Installationen neben meinen Ohren, die Fussablage unten, das eigenartige Dings am Sitz meines Vordermannes, welches auf mich gerichtet ist. Kinobesucher deponieren ihre Jacken ausserhalb des Gefahrenbereiches, sprich: auf dem Treppenaufgang. Ich umarme meine Handtasche, zugegeben: etwas verkrampft. 
Hilfe. 
Hilfe! 
Die Wasserfunktion stell ich ab. Nix da, kommt gar nicht in Frage, *chan*i*dä*nöd*ha,*mich*im*Dunkle*welle*azsprütze*!!*

4D-Film = 1. Premiere
Star Wars-Film = 2. Premiere

Ehrenwort.
Jetzt will ich es wissen.
Noch im uralten Jahr.


"Rogue One - A Star Wars Story"
Wir sitzen im Kino Arena, Saal 10, im Sihlcity Zürich.
Und los geht's. Schüttel. Psychisch stelle ich mich schon mal auf zwei Stunden Schüttelbecher ein. Keine Nachos im Saal erlaubt, Pause gibt es nicht, das Aufstehen ist verboten ... die Liste ist noch lang. Zwei Stunden, ich werde sie überleben.

Wie angenehm überrascht mich doch das Schweben über eine karge Felslandschaft. Mein Sitz hält mich auf Kurs, schaukelt sanft nach links, dreht ab nach rechts, ein kleiner Hüpfer über den Felsbrocken. Zehen einziehen. Fantastischer Weitblick durch meine Spezialbrille - ein herrlicher Flug! So darf es weitergehen. Wir landen. Kurz darauf pfeift mir die erste Kugel um den Kopf und pustet mir meine Haarsträhne ins Gesicht. Sonst sitzen wir (noch) unverletzt im Sessel.

Kinosessel - normalerweise einer der bequemsten Plätze der Welt. Heute ist nix mit Gemütlichkeit, heute wird geflogen, gehüpft, ausgewichen ... gestupft auch. Ehrlich, da boxt mich doch was in die Nieren. Ziemlich oft. Heee.

Der Film ist Action pur. Etwas anderes erwartet von Star Wars?! Nö. Die Figuren mit Schnabel, Rüssel, Dreifachaugen oder coolem Roboterstyle sind fantasiereich. Wer sich wohl so was auszudenken vermag? Ein Verrückter. Ein Kreativer. *I*like*

Schlussspurt, das grosse Gemetzel mit monströs riesigen, bemannten Roboterhunden (siehe Bild!), die schiessen (Box in die Nieren), Raumschiffe überall (schüttel in alle Richtungen), Schüsse (Haarsträhnen pusten) und *cheibe* viel Action in 3D, welche in mindestens 1 Billiarde Pixeln visuell auf mich niederprasselt. Mein Nachbar wird angespritzt. Eigene Schuld.
Stooooppp! Enough! *Höret*uf,*mich*so*zplage,*chan*ja*au*nüt*defür*!*


Völlig geschafft und mit einem dumpfen Gefühl in den Nieren verlasse ich nach dem Film den Saal. Meine Haare sind durch den Wind. Vor meinen Augen flirrt es. Ein bisschen wirr im Kopf. *Läck*, was für ein Kampf. Die letzten 20 Minuten waren echt anstrengend.
Dieses 4D-Filmerlebnis hat gesiegt, eindeutig. Keine Chance hatte ich, diese Action gemütlich eingekuschelt im Kinosessel zu verschlafen ...

Liebe Leute, rutscht gut - wir sehen, hören, lesen voneinander in 2017!
Viel Spass. In 4D. Mindestens.

Printscreen YouTube-Trailer von ROGUE ONE, https://youtu.be/aVw_fc4uhWM



Mittwoch, 21. Dezember 2016

Weihnachtskuscheln mit rosa Erika

Ein überdimensionales, rosarotes Säuli aus Plüsch - das ist Erika. Und nebst der Karriere-Singlefrau Betty spielt dieses Wesen die Hauptrolle in einer wahrhaft heiteren und berührenden Geschichte von Elke Heidenreich und Michael Sowa: "Erika - oder: Der verborgene Sinn des Lebens".

Was viele zu Weihnachten versuchen, jedoch nur schwer schaffen, gelingt diesem Plüschschwein ganz leicht: Sanftheit, Liebe, Harmonie, Sehnsucht, Freude und Lachen kehren überall dort ein, wo es erscheint. Die Besitzerin schleppt das riesige Tier wie eine Trophäe mit beiden Armen umschlungen  und an ihren Bauch gepresst, die Schweinepfoten stehen ab, die Schnauze auch. Blaue Glasäuglein strahlen sanft.

Schwein und Betty reisen aufsehenerregend per Flugzeug von Berlin nach Mailand und dann mit dem Zug zurück bis nach Lugano, zum zynischen Verflossenen Franz. Weihnachten nicht alleine verbringen - ein Lichtblick. Anstatt wie geplant den Delikatessensenf als Mitbringsel trägt die Protagonistin das Plüschschwein ins Tessin und erlebt säulirosarote Wunder.

"Ein Schwein weilte unter uns und sorgte für samtene Heiterkeit am Vorweihnachtsabend."
Schwein muss man haben.
Oder ein gutes Buch mit einer raffinierten, witzigen Geschichte.
Und ein paar liebe Menschen zu Weihnachten wären auch ganz flott. Keine Verflossenen, bitte.
Weihnachtsguetzli, oooh ja, die aber sicher!
Auch wenn sie es nicht ist, manchmal ist sie eben doch noch irgendwie säulistark, quickfidel in Ordnung - unsere liebe, verrückte Welt.

Happy Christmas, liebe Leserinnen und Leser, habt ein schönes Fest und viele gute Bücher unter dem Baum! Oder ein Mamutplüschsäuli.


"Erika oder Der verborgene Sinn des Lebens" von Elke Heidenreich und Michael Sowa

Mittwoch, 14. Dezember 2016

Die Unschuld eines Buchfreaks

Ich bin am Bücher ausmisten. Für mich als Buchfreak ist das alles andere als eine einfache Aufgabe. Dennoch, es muss sein ... Jetzt.

Unvermeidbar, dass mir während dieser Herzschmerzaufgabe unzählige Bücher in die Hände fallen. Noch mehr als üblich. Über 100 pro Tag. Das eine oder andere aus meiner privaten Bibliothek muss in den Altpapierkarton hüpfen. Werden - sein - erfreuen, berühren und hoffentlich bereichern - sterben - neu geboren. Dies ist auch der Werdegang vieler meiner Bücher.

Welches muss sterben? Die Entscheidungen fallen im Minutentakt. Da fällt mir eines in die Hand, das nun vor mir liegt: "Erfolg kommt von innen" von Chuck Spezzano. Den kenne ich. Nicht persönlich, aber ich habe schon von ihm gelesen. Erfolg kommt von innen - schon klar, das habe ich schon zig mal gelesen und weiss ich mittlerweile. Ich bin ja nicht von vorgestern, belesen bin ich auch in der Erfolgspsychologie. Also, was soll's. Schon will ich das Buch weglegen, zerreisen, Buchdeckel weg und ... da zögere ich und schlage es stattdessen auf.

Lektion 24: Das Ausmass unserer Unschuld ist das Ausmass unseres Erfolgs, Kapitel auf Seite 55.
Volltreffer. Ich bin sofort drin.
Wenn wir uns unschuldig fühlen, dann wissen wir, dass wir alle guten Dinge verdienen, schreibt Spezzano.
Autsch. Wie recht er hat. Lass mich wieder unschuldig sein wie ein Kind ... Liebes Christkind, das wünsche ich mir. Hey, und damit meine ich nichts Schlüpfriges! Sondern diese Unschuld - feinstofflich, emotional, mental -, welche Freiheit bedeutet.
Weiter: Wir sind mit Ego-Schuld überkrustet.
Ich höre es knirschen. Meine visuelle Vorstellungskraft zeigt sie mir, die eklige Kruste. Steif ist sie, lässt kaum Bewegung zu. Schmerzt, denn manchmal bricht sie auf ...
Ein paar Zeilen weiter die Aufforderung Spezzanos: Verpflichte dich heute deiner Unschuld.
Ja! Ich will! Nicht nur heute!
Entschieden. Ist die Unschuld, welche befreit, wirklich nur eine Entscheidung von uns entfernt?

Ist es so einfach? Wenn ja, dann ... *uuiii*neiii*

Fragmente sind es nur, die ich hier weitergebe. Der Rest sollte selbst gelesen werden. Erst ein Kapitel, eine Lektion habe ich in diesem Buch aufgesogen. Keine leichte Kost, wenn auch sehr flüssig geschrieben und gut zu lesen. Eindringlich. Aufdringlich in der Logik. Es reicht. Es reicht vollkommen, um das Buch zu behalten.

Nun lege ich Spezzano beiseite und greife nach dem nächsten Buch ... weg ... oder behalten? Frage ich unschuldig. Und stelle es ebenfalls zurück in meine Bibliothek. Das nächste auch. Und noch eins. Buchfreak, eben.




Chuck Spezzanos "Erfolg kommt von innen" - herausragend!

Das Buch gibt es noch gebraucht,
vermutlich heisst es in einer Neuauflage leicht anders.

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Über uns der Himmel ... Kreuzfahrt so und anders

"Über uns der Himmel, unter uns das Meer" - so heisst das neue Buch von Jojo Moyes. Ich lauschte ganze 13 Stunden und 53 Minuten dem Hörbuch. 600 Frauen steuern auf einem alten Kriegsschiff von Australien zu neuem Glück in England, zu ihren englischen Verlobten und Ehemännern. Zeit: Kriegsende im Jahr 1946.

Zeit: April 2012. Ich "schwebe" in meinem prächtigsten Abendkleid die gläserne, funkelnde Treppe hinab auf dem damals grössten Kreuzfahrtschiff MSC Fantasia. *Princess*ein*bisschen* 
Nie im Leben wäre ich auf die Idee gekommen, eine Kreuzfahrt zu buchen. Der *Gwunder*, ein *gstört*guets* Angebot und ein Ellbogenpuffer eines Freundes machten es möglich. Und da war ich, mitten im Mittelmeer.

Und dort waren sie, die 600 Frauen damals und jetzt so lebendig in meinen Ohren. Sie auf einem Flugzeugträger, ich auf einem eleganten Riesendorf. Beide pflügen ruhig durch das Gewässer - zu riesig, um zu schaukeln, Seekrankheit ausgeschlossen. Geballte Technik.

Laut ist es heute und damals. Bei Moyes lärmen ein paar Hundert Matrosen und grosse Maschinen, bei mir ein paar Tausend Touristen. Bei mir gibt es Liegestühle auf Deck, aber keine freien - ausser für jene, die um 6 Uhr morgens aus dem Bett fallen oder sich in die Abgasfahne des Kreuzers legen wollen. Ein TV-Bericht klärt mich Monate später auf, wie viele Abgase ein Kreuzfahrtschiff ausstösst. *Scho*grusig*

Unser Essen war gut, und 24 Stunden omnipräsent. Bei den Bräuten war's vor 70 Jahren nicht ganz so komfortabel und kulinarisch etwas einfacher. Doch auf den Ball unter dem Sternenhimmel, in den Armen junger Matrosen zu tanzen, bin ich schon etwas neidisch. Für sie gilt: Australien-England, mit Zwischenhalt in Indien. Für uns: Genua-Pompeji-Palermo-Tunis-Barcelona-Marseille-Genua. 

Hauptgründe, warum ich wieder eine Kreuzfahrt buchen würde: so viele Orte und unzählige, überwältigende Eindrücke innert weniger Tage. Genial! Hauptgründe, warum ich wieder Jojo Moyes hören oder lesen würde: Ihr Erzählen malt furchtbar schön und gewaltig lebendige Bilder in meinen Kopf. Ein Hörbuch zum Abschalten, Treibenlassen und Hinlauschen ...




Ich vor dem schwimmenden Riesendorf "MSC Fantasia"

Freitag, 25. November 2016

black friday - de amerikän wäi to selebreit in Switzerländ

black friday - heute erhielt ich mindestens fünf Werbenewsletter mit diesen zwei Worten im Betreff. Hey, auf gut Schweizerdeutsch: "Gahts no? Wo simer dänn?"

Zur Aufklärung: black friday ist nicht ein Unglück bringender schwarzer Freitag, im Gegenteil. Er bringt den Shoppern unter uns wahren Sparsegen. So weit, so gut. Traditionell wird black friday am Freitag nach Thanksgiving gefeiert und dieses traditionsreiche Erntedankfest findet am 4. Donnerstag im November statt. Ergo ist black friday ... heute. An black friday wird gespart, denn der Tag ist der Start in die Weihnachtssaison, viele Preise fallen und die Amerikaner nutzen den oft freien Tag nach dem eigentlichen Feiertag, um die ersten Geschenke einzukaufen. In den Läden klingeln die Kassen. Ein Wort ist dabei besonders wichtig: Amerikaner. Also in den USA, oder ausgewandert irgendwo. Und was hat das mit unseren Läden zu tun? Nichts! Oder: "rein gar nüt!"

Mich nervt diese Amerikanisierung der Schweiz. Ich darf das sagen, denn ein Teil meiner Familie ist wirklich und ganz echt amerikanisch. Wir feiern Thanksgiving - weil es in diesem Teil meiner Familie, egal wo gerade auf dieser Welt, seit zig Generationen so Tradition ist. Jaja, mit monströs riesigem Truthahn und abartig leckerem Kürbiskuchen und süffig feinem Wein. So muss es bei uns sein. Mein Gottimaitli ist auch jedes Jahr schaurig stolz ab dem "gfürchig" grinsenden Kürbiskopf, in dem ein Kerzlein flackert. Halloween: Das Familienunternehmen "Kürbis-auskratzen-und-Gesichter-reinschneiden" ist ein Highlight. Und das ist schön.

Finde ich es deswegen auch schön, wenn Schweizer Firmen plötzlich black friday feiern? Lege ich Süssigkeiten am 31. Oktober für verkleidete Kinder bereit, die ungefragt bei mir an der Tür klingeln? Käme es einem Amerikaner in den Sinn, mir nichts, dir nichts einfach den Schweizer Nationalfeiertag zu zelebrieren? Dafür zu jodeln oder zu chlefelen? Eben. Nö.

Nur wir Schweizer sind so. Wir feiern Traditionen, die gar nicht unsere sind. Und finden das cool. Ich finde es albern. Es hat etwas Unterwürfiges an sich. Wie das Kleinkind, das auf einen grossen Bruder schielt und ihm nacheifert. Eine Kopie bleibt immer kopiert. Und eine Kopie aus Geldgier ist ekelhaft. 

Deshalb: Nein! Es gibt bei Wortfeger Media und in meinem Buchantiquariat Spiritfeger heute keinen black friday, keine Spezialrabatte. Nur einen neuen Blogpost von mir. Das war's.

Ich bin stolz auf meine amerikanische Familie und sie bedeutet mir viel.
Ich bin stolz auf mein Land, die Schweiz, und es bedeutet mir viel.

Besonders schön finde ich, dass mein Gottimaitli auch lernt, Räbeliechtli zu schnitzen und im Februar mit den Böögen Fasnacht zu feiern.
Hoch lebe die Schweiz und die kulturelle Vielfalt.
Bewahren wir sie - am richtigen Ort.



black friday in der Schweiz? Really?