Montag, 19. September 2016

Sangria, Cerveza, Mojito! Wo der Himmel das Meer küsst

Ich muss auswandern, sagst Du? Dann bin ich mal weg - in Barcelona!
Kaum eine andere Millionenstadt bietet so viel Kultur und Charme auf demselben konzentrierten Flecken Erde wie Barcelona. Cerveza, Sangria, Mojito - was sie am Strand fast durchgehend schreiend anbieten - verstehe ich gerade noch. Un, dos, tres auch noch und dos helados. Die Helados (Danke, Dario, für die spanische Rechtschreibprüfung!!! :-)) sind ein Übrigbleibsel aus meinen Kindertagen, den Strandurlauben unserer Familie in Spanien. Das war's dann auch mit meinen Sprachkenntnissen. Was ich jedoch sonst noch kapiere: Barcelona hat einen eigenen Rhythmus, eine besondere Atmosphäre - und einen heissen Groove. Auf Spanisch.

Diese Stadt ist in der Vielfalt kaum zu schlagen: Kultur, Kulinarik und sooooo viel charmanten Lifestyle - unglaublich. I love it - io amo!!! Ich treibe im Meer, die Zehen vor mir winken dem sommerlichen Himmel und ich atme durch ... Cerveza, Sangria! Letzteres mit Cava, spanischem Sekt statt Rotwein, schmeckt mir ganz besonders.

Wir liegen am Strand, nach einem Walk vom Place de Espanya bis ins Quartier Barceloneta, die Landzunge vor der Stadt mit wunderbaren Gassen, winzigen Mercados und einem herrlichen Sandstrand. Genau hier: Sangria, Cerveza. Mojito!!! Na, Du weisst schon. Und das Wasser streichelt Deinen Körper, sein Rauschen Deine Seele ...

Gaudi hat es mir angetan. Seine Bauten sind rund harmonisch, nicht aneckend, sondern fliessend. Zum Hineinkriechen und Anschmiegen. An seiner Sagrada Familia, an Gaudis gigantischer Basilica bauen sie über seinen Tod 1926 hinaus - bauen sie heute noch und alleine dieses Werk wäre ein eigenes Studium wert. Was nur schon an der Fassade an Kreativität zu entdecken ist - Wahnsinn! Ich mag seine erschaffenen Formen, seine Ideen, seine Kreativität. All dies steckt an, nicht nur mich, sondern viele. Warum sonst sollte ein Lebenstraum weiter realisiert werden, 90 Jahre nach dem Tod des Träumers?! Gaudi steckt an.

Neben uns ragt das World Trade Center Barcelona in den Himmel. Da wird gehandelt, da wird emsig gearbeitet. Big Business. Um kein Geld der Welt möchte ich die Plätze tauschen und hinter die edle Glasfassade wechseln. Hier atme ich im Takt des Meeresrauschens ... neben mir stürmen zwei junge Mädels *giggelnd* in die Fluten, ein junger, spanischer Adonis fragt uns, ob er seine Sachen bei uns deponieren dürfe, aber klar doch. So macht man das hier also, aha, so einfach und charmant. Neben uns ein Paar, sie sonnt, er liest. Frieden. Meeresrauschen. Sommerwärme. Riechst Du's?!? Mojito, Sangria, Cerveza!!

Das einzige Problem von Barcelona sei der Diebstahl, erzählt der Barbesitzer und zeigt mir, wie ich meine Handtasche sichere. Nicht Gewalt (er boxt in die Luft), nur Diebstahl (Drehung aus dem Handgelenk). Meine Handtasche ist gesichert. Und sofort fällt mir der charmante Adonis wieder ein, der uns zu seiner Diebstahlsicherung auserwählt hatte vor ein paar Stunden.

Hotels gibt es unzählige in Barcelona und bestimmt sind ganz viele sehr gut. Wir landeten etwas ausserhalb, im Hotel Hesperia Tower. Das Angebot des Arrangements war einfach zu genial, da mussten wir hin. Volltreffer. Wir strahlen wie Honigkuchenpferde, als wir nach der Ankunft circa eine halbe Stunde vor Mitternacht aus dem riesigen Fenster rausschauen - direkt auf ein fantastisches Feuerwerk - und das aus dem 20. Stockwerk! Bauklötze staunend. Die Farbenpracht auf Augenhöhe. *Gstört*schön*im*Fall*. Am nächsten Morgen entdecke ich von der Bettkante aus die Spitzen der Sagrada Familia. Wow, guten Morgen, Barcelona! Das Zimmer ist modern, luxuriös, das Frühstücksbüfett zum mehrfachen Zulangen. U-Bahn und Busstationen direkt um die Ecke und *schwups* schon sind wir im Zentrum. Der Hesperia Tower ist nicht nur ein Business- und Messehotel, wie wir finden. Auch wir Volltouristen mögen ihn.

Tapas sind die Geschwister von Sangria, einfach in fester Form - sprich: beides ein Muss in Spanien. Am Place de Espanya setzen wir uns ins TapaTapa. Von ihnen gibt es einige in Barcelona. Die Bildchen auf den Tischsets helfen uns, auch mit unseren mangelhaften Spanischkenntnissen leicht zu bestellen. Was auf unserem Tisch landet, ist herrlich, frisch und lecker. In den wenigen Tagen ernähren wir uns fast ausschliesslich von Tapas - ausser dem Hesperia-Frühstück, selbstverständlich. Auch in den kleinsten Restaurants, mit einfachen Stühlen und Tischen auf dem Gehsteig, geniessen wir beste Tapas-Qualität. So könnte ich mich ewig ernähren.

Der Wind zerzaust unsere Haare, wir relaxen stundenlang während der Fahrt auf dem oberen Deck des Touristenbusses. Kreuz und quer führt er uns durch die Stadt und die Dame erklärt uns schön brav auf Deutsch, was gerade an uns vorbeizieht. Hafen, Nischen, Fassaden, lächelnde Krabbe und andere Kunstwerke, Statuen, Brunnen, Mosaike! Palmen. Wir speichern emsig, was wir alles noch genauer sehen wollen in Barcelona - bei unserer Wiederkehr. Denn das ist gewiss: Barcelona, auf bald!


Sangria mit Cava (Sekt) & Tapas - io amo!
Gaudis beeindruckende Sagrada Familia



Donnerstag, 1. September 2016

Pippi- und ABBA-Atmosphäre - Hey in Stockholm!

Das Erste, was mich von Stockholm begeisterte, geschah noch zu Hause, nach dem Geldwechseln: Auf der 20-Kronen-Note entdeckte ich Astrid Lindgren! Na, Du weisst schon:

"Was ihr machen wollt, weiss ich nicht', sagte Pippi. "Ich werde jedenfalls nicht auf der faulen Haut liegen. Ich bin nämlich ein Sachensucher, und da hat man niemals eine freie Stunde."

Ihr kennt Pippi - Pippi Langstrumpf. Nicht wahr? Jeder kennt Pippi. Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf.
Das Zitat oben stammt aus dem Pippi-Buch, gefunden auf efraimstochter.de, erdacht und geschrieben von Astrid Lindgren. Eine süsse Seite über Pippi, übrigens. Etwas für Fans und Freunde. Reinklicken und staunen.


Manchmal fühle ich mich wie Pippi. Nicht ganz so rothaarig, selten so frech, aber ja, eine Sachensucherin bin ich auch. Als Schreiberin eh. Da hast Du die Augen offen, suchst Sachen, über die es zu schreiben lohnt. Als sachsuchende Schreiberin hast Du auch niemals eine Stunde frei. Die Storys laufen überall: draussen, drinnen, vor den Augen, dahinter. Sachsucherin bin ich auch beim Reisen - so auch in Stockholm. 

2,5 Tage reichten für Herbst im August, strömender Regen und frühlingshafter Sonnenschein. Stockholm zeigte sich flexibel. Wir auch. Nur die Temperaturanpassung fiel mir nicht ganz so leicht. 32 Grad in Zürich-Kloten, 15 Grad in Stockholm, ein paar Stunden später -5 Grad in der Ice Bar. Meine Zehennägel rollten sich in alle Richtungen und wären am liebsten zurück in meinen Körper. Im Thermomäntelchen mit hübschem weissen Pelzrand - wir sahen aus wie blaugefrorene Samikläuse - schlürften wir aus Eisgläsern unseren Cocktail. Ich fragte mich ständig, ob meine Zunge wohl am Eisbecher kleben bleiben würde?! 
Die Fotosession bescherte klamme Finger. Die Nasenspitze war nach drei Stunden noch kühl. Das Erlebnis aber war es eiskalt mehrfach wert!

Als Belohnung nagten wir an Spareribs. Im Jensens Bofhus. Lecker, sehr lecker! Der Jensen besitzt übrigens eine ganze Menge Bofhuser in Stockholm (und das, obwohl die Kette dänisch ist, wie ich im Nachhinein zu Hause erfahre! Schande über mich, in Schweden dänisch zu essen ... Danke Roland für den Hinweis!). An jeder fünften Ecke steht ein solches Bofhus, schätzungsweise. In der Präsenz nur überholt von H&M. "Mode und Musik" - die Exportschlager Schwedens, wie uns auf der Hop-on-Hop-off-Tour im doppelstöckigen Bus und tags darauf auf dem Boot erzählt wurde. Die Touren lohnen sich übrigens, der Besuch der hübschen Altstadt zu "fots" auch.

Schwedisch ähnelt dem Englischen, dachte ich einige Male. On foot - fots, versteht man doch. Die Schweden reden aber auch sehr gut Englisch - und dies meistens schnell. Ein hohes Bildungsniveau habe Schweden, wird erklärt. Ich finde, das ist der Stadt anzusehen: gepflegt, sauber, gerne in schlichter Eleganz. Nicht protzig. Angenehm. Etwas zurückhaltend. Freundlich. "Hey!" und ein Lächeln = Standardbegrüssung. Sympathisch.

Über schwedische Musik brauche ich nicht zu philosophieren. Jeder kennt, jeder mag sie: die ABBAs, Roxette und Co. Ich auch, wie Pippi. Mindestens genau so wie Pippi mag ich übrigens Lindgrens Räubertochter oder ihre Brüder Löwenherz. Lesen! Indiskutabel.

Indiskutabel auch meine Begeisterung über das Hotel - Story Hotel in Östermalm! Volltreffer. Total zentral. "Fots" tun nicht weh, da alles nah: Von der Markthalle bis zum Bahnhof und der Schiffanlegestelle. Edles Shopping an Birger Jarlsgatan direkt vor dem Haus - wohl das Pendant zur Zürcher Bahnhofstrasse -, das Einkaufsvergnügen für das normale Portemonnaie ein paar Ecken weiter. Muss ich es sagen? Okay: *I*like*!!!*

Story Hotel - der Ausgangspunkt zahlreicher Storys, wie ich träume. Das Design einfallsreich, inklusive Wonderwall mit hippem Uhu, zum Kuckuck, und nicht eine Nische ist normal. Hier spielten die Einrichter mit Beton und Used-old-Style, Metall und Stoff, Tapeten und coolen Wandtatoos - echt trendy! Der Reiseführer lügt nicht. Alles wahr. Unaufdringlich. Wirkungsstark. Genial. Will wieder hin. Storys erleben, Storys schreiben. Sachsucherin sein. Ich vermisse die Pippi- und ABBA-Atmosphäre jetzt schon.


"Kommt herein oder bleibt draußen, wie ihr wollt", rief Pippi.
"Ich zwinge niemanden."
(nochmals Zitat von efraimstochter.de)

Ich zwinge auch niemanden, aber: Ihr müsst nach Stockholm!
Echt. ABBA.


Hop-On-Hop-Off-Haltestelle am Nybroviken, 7 Minuten vom Story Hotel
Story Hotel in Stockholm, Riddargatan 6 - empfohlen!

Samstag, 27. August 2016

Und es wallet und siedet ... Schiller, Goethe und Co. mal anders

Bertelsmann-Lexikon! Weltrundschau Jahrbücher! Was die einst für Geld kosteten, zusammen einen Kleinwagen. Und heute? Altpapier, an dem mühsam mit Muskelkraft die Buchdeckel entfernt werden muss. Ich will diese Bücher nicht. Niemand will sie. Und das ist der Fluch.

Momentan will jeder sie loswerden. Wöchentlich, teils mehrmals, erhalte ich Mails von Besitzern, die mir diese Bücher vorbeibringen möchten. 

KEINER stellt sich mehr heute einen Meter Bücher ins Regal. Staubfänger. Fülle. Leere ist trendy! Ausser ... (weiterlesen ;-)

Schuld ist das Internet, klar. Nicht etwa die Zeit oder der Mensch selbst. Nein, das böse, böse Internet weiss einfach zu viel. Was in den Bertelsmann-Lexiken steht, gibt es heute ganz staubfrei im Internet nachzulesen. Mehr sogar. Weltrundschau-Bücher sind im Glücksfall noch ein witziges Geschenk auf einen runden Geburtstag. Selten mehr.

Lesen Sie gratis Schiller, Goethe oder Shakespeare! Klassiker sind ebenfalls im Internet zu lesen oder als E-Book downloadbar. Völlig kostenfrei. Wer sollte also noch die "Gesammelten Werke" der grossen Literaten zu Hause altern lassen? Sie ahnen es: Altpapier. Sogar ältere Ausgaben. Nur wenn Sie eine Erstausgabe im Regal haben, werden Sie damit reich. 

So ist unsere Zeit. Und sie ist so, egal wie ich sie finde. Meistens mag ich sie recht gerne.
Etwas hingegen finde ich ausgesprochen toll: Wenn ein kreativer Kopf einen Klassiker hervorkramt, ihn aufmöbelt und neu herausbringt. Beispielsweise wunderbar bebildert.

Lesen Sie die berühmte Ballade "Der Taucher" von Friedrich Schiller, gemalt von Dieter Wiesmüller (ISBN 9783551517166):

Und es wallet und siedet und brauset und zischt,

Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
Bis zum Himmel sprützet der dampfende Gischt,
Und Flut auf Flut sich ohn' Ende drängt,
Und will sich nimmer erschöpfen und leeren,
Als wollte das Meer noch ein Meer gebären,

...

Wunderbar! Wiesmüllers Bilder bezaubern mit Schillers Worten und spinnen ein sagenhaftes Ganzes. Eine Perle von Bilderbuch. Erschienen im Carlsen Verlag. Merken.

"Faust" nach Johann Wolfgang von Goethe - Hand aufs Herz: Wer hat ihn gelesen?
Ich. Ehrlich, aber in einer kurzen, fantasievollen Version: neu erzählt von Barbara Kindermann und mit Bildern von Klaus Ensikat (ISBN 3934029108) ... ein Bilderbuch erster Klasse!

Der Widerstreit zwischen Gott und dem Teufel, dem Guten und dem Bösen, ist uralt, und auch diese Geschichte handelt davon. Doch fangen wir vorne an.
Es war ein Tag wie jeder andere. Der liebe Gott sass im Himmel und blickte zufrieden auf die Erde hinab, die er geschaffen hatte. Drei Erzengel umringten ihn respektvoll und lobten sein Werk: die Welt und ihre Bewohner.
Da kam Mephisto daher. Der schalkhafte Teufel war mit dem Lob der Engel gar nicht einverstanden. Auch jetzt sprach er höchst abschätzig von Gottes misslungener Erde und ihren fehlerhaften Menschen ...

Mephisto stieg hinab auf die Erde, um des Doktors Heinrich Faust Seele zu erschleichen. Die Menschen sind fehlerhaft, weiss der Teufel, und er will es Gott beweisen.

Diese Ausgabe, erschienen in der Reihe "Weltliteratur für Kinder", Kindermann Verlag Berlin, macht unheimlich "Gluscht" auf mehr. Aber ist sie wirklich für Kinder? Die Geschichte ist finster, das wissen wir bereits vom Klassiker und von den zahlreichen Theaterinszenierungen. Dieses Bilderbuch verschönt die Handlung nicht. Hexen, Teufel, Zauberei, Totschlag ... Die Bilder von Ensikat sind kunstvoll, passend, unterstreichend. Ein Erwachsener liest aus ihnen. Beeindruckend. 

Ich will mehr und reserviere mir schon mal Platz im Büchergestell. Davon, ja, genau davon will ich ein paar Meter bei mir stehen haben! Für so etwas gibt es (noch) keinen Ersatz. Mephisto hat (noch) nicht gesiegt. Gott sei Dank.

Schillers "Der Taucher" und Goethes "Faust" als prächtige Bilderbücher
- die neue Generation der Klassiker!


Freitag, 29. Juli 2016

s Matterhorn isch ächt obenuse!

40 Jahre ohne Matterhorn zu leben - manche Menschen können das. Zum Beispiel ich. Nun ist aber die ruhige matterhornfreie Zeit vorbei, endgültig. Ich habe es gesehen. Live. Und dieser Berg ist echt magisch.

"Obenuse" - laut Nicole. Und damit meint sie nicht etwa die Höhe, sondern den unglaublichen Anblick. Obenuse - sprengt das Normale, den Rahmen, das Gewohnte. Ebe obenuse! Alles klar?

Zermatt mit den uralten Walliser Holzhäusern ist obenuse malerisch, herzig, urchig ... und teuer. Zumindest beim Einkaufen, alles andere ist gewohnt schweizerisch teuer. Einen normalen Laden gibt es kaum, Marken reihen sich an Marken. Asiaten an Asiaten - die reihen sich nicht nur in den teuren Läden, sondern auch in den Restaurants, in den Bergbahnen und sogar beim Wandern! Noch nie in meinem Leben habe ich innert drei Tagen so viele Asiaten gesehen - ausserhalb von Asien selbstverständlich.

Gut ausgerüstet sind sie, die Asiaten, sie tragen Mammut, North Face & Co. Dazu die besten Kameras und eine gefühlte Tonne Selfiesticks, ist ja klar. Wenigstens wandern sie nicht mehr in Ballerinas, meint Nicole. Und in 99 % hat sie recht. Ballerinafälle gibt es nur noch vereinzelte, doch es gibt sie, auch auf 3000 Metern über Meer im Steingeröll. Vielleicht neigen asiatische Füsse ja nicht so zu schmerzhaften Blattern, wer weiss.

Obenuse ist tatsächlich einiges in Zermatt. Ein Dorf der Superlative. Hohe Berge, bestes Essen - vor allem Walliser Fondue in zig Variationen, logisch! - Bergidylle, prächtige Natur, perfekte Wander- und Spazierwege ... wir wandern viel und atmen durch. Das leckere Fondue will verdaut werden.

Mittendrin - und komplett unvorbereitet - treffen wir auf Trauffer aus dem Berner Oberland. "Müeh mit Chüeh" singt er auf der Bühne mitten im Dorf. Ächt obenuse! Der Regen hält still, die Bergluft trocknet. Endlich. Kühl wird es trotzdem bald, und das mitten im Juli. Wir sind halt mehr obenuse als gewohnt. Jetzt höhentechnisch gemeint.

Obenuse ist auch die Anzahl der Fotos, die ich vom Matterhorn geknipst habe: morgens, mittags, abends, verhüllt, ein bisschen weniger Wolken, andere Wolken, dunkle Wolken, helle Wolken, sanfte und böse Wolken ... keine Wolken. Dieser Berg hat obenuse viele Gesichter und schaut mit jedem einnehmend charmant aus.

Wie mir das Matterhorn gefallen habe, werde ich zu Hause gefragt, und da ich es nun im Sommer erlebt habe, müsse ich wohl noch weitere Male dahin: im Herbst, Winter und Frühling. Ein Tipp aus Erfahrung. Warum erstaunt mich das nicht? 

Die matterhornfreien 40 Jahre sind vorbei ... ich hab's ja geahnt.

Übrigens, unser Hotel war also auch obenuse schnusig!
http://hotel.phoenixzermatt.ch/
Aus die Maus mit matterhornfreier Zeit: mein 1. Blick aufs Matterhorn!
Der Berner Oberländer Trauffer in Zermatt mit seinem Song "Müeh mit de Chüeh"
- ächt obenuse!

Hotel Phoenix in Zermatt - urchig & modern, ein Tipp!




Donnerstag, 21. Juli 2016

Kriegsmüll, 4 Elemente, der tiefste Bierkeller und ich. Danke.

Ich wühle mit der Hand im lockeren Waldboden, gedankenverloren. Die Erde, ein Element von vier, welche Energien werden ihr zugesprochen? Was steckt in ihr? Geborgenheit. Verwurzelung. Nahrung. Aber auch Gefahr, beispielsweise wenn sie rutscht und mitzerrt, was sich nicht halten kann. Begräbt.

Einen ganzen Tag verbringe ich im Wald, gemeinsam mit einigen Frauen und der Schamanin, um die Elemente live zu erforschen. Lange ist es her, seit ich eine Wurst über dem Element Feuer briet, die Zehen im kühlen Fluss badete, meine Nase so viele Stunden in die Waldluft streckte ... Feuer, Wasser, Luft und Erde.

Wenige Tage später steige ich 153 Stufen in die Tiefe, in den tiefsten Bierkeller der Welt. Wer erwartet schon in der Region Rheinland-Pfalz in Mendig eine Vulkanbrauerei? Bier ja, aber Vulkane? 200'000  und 13'000 Jahre ist es hier, als der Vulkan seine heissen Ströme über das Land spuckte. Steinbomben flogen damals, erklärt uns der Wissende, welcher uns durch die unterirdischen Gänge führt. Verschiedene Lavaströme formten Säulen und erkalteten zu wertvollem Bims, der in Schwerstarbeit abgebaut wurde. Oft mithilfe von Kinderhänden. Damals. Aber genau genommen ist es noch gar nicht so lange her. Keine 100 Jahre.

Hier, so tief unter der Erde, traue ich mich kaum zu atmen. Beklemmend das Wissen, wie viel schwerer Fels über mir ist. Zu klar wird mir, wie zerbrechlich dagegen mein Körper ist. Wenn es rumpelt, hat keiner eine Chance. Von Geborgenheit, welche das Element Erde noch im Wald ausströmte, ist hier keine Spur. Verwurzelung oder Nahrung? Keinesfalls. Reines, mineralisiertes Wasser tropft aus der Steindecke. Unheimlich.

Für manchen aus der Gruppe zu unheimlich. Einzelne brechen die unterirdische Führung ab und steigen wieder an die frische Luft. Gerne würde ich ihnen folgen, wenn mein Kopf es zulassen würde. Ich halte durch. Das Gestein fasziniert auch, irgendwie. Ich bleibe und konzentriere mich auf die Worte unseres Rundgangführers.

Material aus dem zweiten Weltkrieg sei irgendwo in den Höhlen verschachert worden, verrät uns der Höhlenführer. Nicht ganz ungefährlich. An diesem Verschütteten möchte man lieber gar nicht rütteln, man wisse ja nie ... Und zwei Magmakammern, eine obere kleinere und eine untere grössere, würden sich ebenfalls ständig durch die Region bewegen ... Manch ein Verunfallter ruht schon hier unten für ewig.

Nicht auszudenken, was geschieht, wenn Magma auf Kriegsmüll trifft, denke ich mir. Was für eine explosive Mischung. Oder was, wenn die Magmablasen plötzlich auf eine Höhle stossen, in der wir jetzt gerade stehen? Klar, rein statistisch verteilt über die letzten 200'000 Jahre kaum möglich, aber eben doch ein bisschen ... 

Überhaupt muten wir dem Schoss der Erde ganz schön viel zu - und das, obwohl wir wissen, wie unberechenbar sie sein kann. Was alles steckt noch in der Erde? Wie viele Höhlen und Gänge, von Menschenhand gebuddelt oder natürlich gewachsen, bieten Leerräume, die jederzeit einstürzen oder sich mit Unheil füllen können? Wie oft wandeln wir auf Boden ohne zu ahnen, wie verletzt dieser eigentlich ist? Unsere Schweizer Berge sind ja ebenso gelöchert wie unser Käse. Kein Geheimnis.

Das wahre Geheimnis liegt darin, was die Erde mit all dem anstellen wird, was wir ihr zumuten. Vielleicht nicht heute. Oder morgen. Sondern irgendwann. Na dann: prost! Das Vulkan-Bier schmeckt übrigens sehr und erinnert mich daran, wie nahrhaft und grosszügig die Erde eben auch sein kann. Ich schicke ein grosses Dankeschön in den Himmel, nein, besser in die Tiefe der Erde, dass ich gesund und beeindruckt wieder aus dem Höhlensystem an die frische Luft steigen durfte und die gute Seite der Erde - in Form des feinen Gebräus - kosten darf ... eben und mit Nachdruck: ein Prosit auf unsere Erde!


Im tiefsten Bierkeller der Welt der Vulkan-Brauerei in Mendig:
Steinsäulen aus erstarrtem Vulkangestein - unheimlich hier untertags.
Ein Herz für unsere Erde - oder von ihr!
Gefunden während meines schamanischen Waldtages.