Donnerstag, 1. Dezember 2016

Über uns der Himmel ... Kreuzfahrt so und anders

"Über uns der Himmel, unter uns das Meer" - so heisst das neue Buch von Jojo Moyes. Ich lauschte ganze 13 Stunden und 53 Minuten dem Hörbuch. 600 Frauen steuern auf einem alten Kriegsschiff von Australien zu neuem Glück in England, zu ihren englischen Verlobten und Ehemännern. Zeit: Kriegsende im Jahr 1946.

Zeit: April 2012. Ich "schwebe" in meinem prächtigsten Abendkleid die gläserne, funkelnde Treppe hinab auf dem damals grössten Kreuzfahrtschiff MSC Fantasia. *Princess*ein*bisschen* 
Nie im Leben wäre ich auf die Idee gekommen, eine Kreuzfahrt zu buchen. Der *Gwunder*, ein *gstört*guets* Angebot und ein Ellbogenpuffer eines Freundes machten es möglich. Und da war ich, mitten im Mittelmeer.

Und dort waren sie, die 600 Frauen damals und jetzt so lebendig in meinen Ohren. Sie auf einem Flugzeugträger, ich auf einem eleganten Riesendorf. Beide pflügen ruhig durch das Gewässer - zu riesig, um zu schaukeln, Seekrankheit ausgeschlossen. Geballte Technik.

Laut ist es heute und damals. Bei Moyes lärmen ein paar Hundert Matrosen und grosse Maschinen, bei mir ein paar Tausend Touristen. Bei mir gibt es Liegestühle auf Deck, aber keine freien - ausser für jene, die um 6 Uhr morgens aus dem Bett fallen oder sich in die Abgasfahne des Kreuzers legen wollen. Ein TV-Bericht klärt mich Monate später auf, wie viele Abgase ein Kreuzfahrtschiff ausstösst. *Scho*grusig*

Unser Essen war gut, und 24 Stunden omnipräsent. Bei den Bräuten war's vor 70 Jahren nicht ganz so komfortabel und kulinarisch etwas einfacher. Doch auf den Ball unter dem Sternenhimmel, in den Armen junger Matrosen zu tanzen, bin ich schon etwas neidisch. Für sie gilt: Australien-England, mit Zwischenhalt in Indien. Für uns: Genua-Pompeji-Palermo-Tunis-Barcelona-Marseille-Genua. 

Hauptgründe, warum ich wieder eine Kreuzfahrt buchen würde: so viele Orte und unzählige, überwältigende Eindrücke innert weniger Tage. Genial! Hauptgründe, warum ich wieder Jojo Moyes hören oder lesen würde: Ihr Erzählen malt furchtbar schön und gewaltig lebendige Bilder in meinen Kopf. Ein Hörbuch zum Abschalten, Treibenlassen und Hinlauschen ...




Ich vor dem schwimmenden Riesendorf "MSC Fantasia"

Freitag, 25. November 2016

black friday - de amerikän wäi to selebreit in Switzerländ

black friday - heute erhielt ich mindestens fünf Werbenewsletter mit diesen zwei Worten im Betreff. Hey, auf gut Schweizerdeutsch: "Gahts no? Wo simer dänn?"

Zur Aufklärung: black friday ist nicht ein Unglück bringender schwarzer Freitag, im Gegenteil. Er bringt den Shoppern unter uns wahren Sparsegen. So weit, so gut. Traditionell wird black friday am Freitag nach Thanksgiving gefeiert und dieses traditionsreiche Erntedankfest findet am 4. Donnerstag im November statt. Ergo ist black friday ... heute. An black friday wird gespart, denn der Tag ist der Start in die Weihnachtssaison, viele Preise fallen und die Amerikaner nutzen den oft freien Tag nach dem eigentlichen Feiertag, um die ersten Geschenke einzukaufen. In den Läden klingeln die Kassen. Ein Wort ist dabei besonders wichtig: Amerikaner. Also in den USA, oder ausgewandert irgendwo. Und was hat das mit unseren Läden zu tun? Nichts! Oder: "rein gar nüt!"

Mich nervt diese Amerikanisierung der Schweiz. Ich darf das sagen, denn ein Teil meiner Familie ist wirklich und ganz echt amerikanisch. Wir feiern Thanksgiving - weil es in diesem Teil meiner Familie, egal wo gerade auf dieser Welt, seit zig Generationen so Tradition ist. Jaja, mit monströs riesigem Truthahn und abartig leckerem Kürbiskuchen und süffig feinem Wein. So muss es bei uns sein. Mein Gottimaitli ist auch jedes Jahr schaurig stolz ab dem "gfürchig" grinsenden Kürbiskopf, in dem ein Kerzlein flackert. Halloween: Das Familienunternehmen "Kürbis-auskratzen-und-Gesichter-reinschneiden" ist ein Highlight. Und das ist schön.

Finde ich es deswegen auch schön, wenn Schweizer Firmen plötzlich black friday feiern? Lege ich Süssigkeiten am 31. Oktober für verkleidete Kinder bereit, die ungefragt bei mir an der Tür klingeln? Käme es einem Amerikaner in den Sinn, mir nichts, dir nichts einfach den Schweizer Nationalfeiertag zu zelebrieren? Dafür zu jodeln oder zu chlefelen? Eben. Nö.

Nur wir Schweizer sind so. Wir feiern Traditionen, die gar nicht unsere sind. Und finden das cool. Ich finde es albern. Es hat etwas Unterwürfiges an sich. Wie das Kleinkind, das auf einen grossen Bruder schielt und ihm nacheifert. Eine Kopie bleibt immer kopiert. Und eine Kopie aus Geldgier ist ekelhaft. 

Deshalb: Nein! Es gibt bei Wortfeger Media und in meinem Buchantiquariat Spiritfeger heute keinen black friday, keine Spezialrabatte. Nur einen neuen Blogpost von mir. Das war's.

Ich bin stolz auf meine amerikanische Familie und sie bedeutet mir viel.
Ich bin stolz auf mein Land, die Schweiz, und es bedeutet mir viel.

Besonders schön finde ich, dass mein Gottimaitli auch lernt, Räbeliechtli zu schnitzen und im Februar mit den Böögen Fasnacht zu feiern.
Hoch lebe die Schweiz und die kulturelle Vielfalt.
Bewahren wir sie - am richtigen Ort.



black friday in der Schweiz? Really?

Freitag, 18. November 2016

DAS wollte ich niemals sehen. Klick doch mal.

Kurz vor Feierabend, ich beende die Programme auf meinem Laptop und schaue noch kurz bei Facebook rein. Einfach so, und weil noch ein paar Minuten Zeit bleiben, klicke ich ein Videoposting von einem Bekannten an, den ich nicht besonders gut kenne. Und da ist er. Der Riesencrash, den ich niemals sehen wollte. Eine Frau filmt aus dem Rückfenster des Autos, wie ein Reisebus einen gröberen Auffahrunfall verursacht. Er schiebt die Personenfahrzeuge einfach ineinander wie Spielzeuge. "Das überlebt keiner", schreit es in mir. Mein Mund bleibt stumm. Die Bilder graben sich tief in mich.


DAS WOLLTE ICH NIEMALS SEHEN!

Bilder, die meinen Kopf nie mehr verlassen. Davon gibt es bereits genug. Beispielsweise der weisse Hai im berühmten Film, den ich als Mädchen einmal sah ... Natürlich ohne Einverständnis der Eltern. Der weisse Hai ...*DedeDedeDedeeeee*, ich höre sogleich die drohende Musik ..., dieser Film ist schuld, dass ich mich heute noch als gute Schwimmerin nicht in offene Gewässer traue. *DedeDedeDedeeeee*


DAS WOLLTE ICH NIEMALS SEHEN!

Filme überhaupt, sie sind schuld, eindeutig. Es sind nur die Filme! Eigentlich müsste so ein "Finöggeli" wie ich Filmverbot erhalten. Da fällt mir doch gleich die Szene mit dem Bären ein, welcher einen Menschen auseinander reisst ... *Raaatsch*Schreiiii!* - nein, natürlich umgekehrt: *Schreiii*Raaatsch*. Ebenfalls eingebrannt in meinem Hirn, inklusive Ton. Ich weiss nicht einmal mehr, wie dieser Film mit DIESER Ratsch-Szene heisst. Ganz genau weiss ich jedoch:


DAS WOLLTE ICH NIEMALS SEHEN!

Die Filme sind es, nur sie. Bücher hinterlassen auch bleibende Eindrücke, manchmal verfolgen sie mich auch. Aber niemals so ausgeprägt. Moment, nein, stimmt nicht. Es gibt Ausnahmen: Als etwa 20-Jährige hatte ich eine Phase, in der ich lauter Dean Koontz-Bücher las. Der schreibt stark. Süffig. Und gruselig. Und seine Gruseleien verfolgten mich prompt nach etwa seinem 10. Buch. Plötzlich stand in jedem Schatten einer, der mir brutal etwas wollte. Abmurksen sind Koontz kleinste Übel. Was da im Schatten sein könnte, ...

DAS WILL ICH NIEMALS SEHEN!

Worin gründet diese Neugier des Menschen? Warum bilden sich Kolonnen von Schaulustigen auf der Gegenfahrbahn, wenn ein Unfall geschah? Sind wir derart gewaltgeil?
Mir ist schlecht. Ich sehe immer noch vor mir den Reisebus, wie er in die stehende Kolonne rast. Die Bilder sind so klar in meinem Hirn eingebrannt, als ob ich die Augenzeugin gewesen wäre.


Ich beende die Programme auf meinen Laptop für heute endgültig, logge mich aus meinem Blogprogramm ... und sehne mich nach einem flauschigen, warmen, heilen Plätzchen. Prinz, wo bist du. Einmal kuscheln, bitte. Gute Nacht.

PS: Dean Koontz schreibt eben schon sehr cool ... *räusper*. Vor 2 Jahren hatte ich einen Koontz-Rückfall und las "Schutzengel". Das Buch gibt es heute nur noch gebraucht:




Mein "Schutzengel" von Dean Koontz

Dienstag, 15. November 2016

Einen Scheiss muss ich!

"Einen Scheiss muss ich!", ich sag's gerne nochmals und es kribbelt auf der Zunge. Unanständig, so was zu sagen ... Weiss ich doch.

Jeder dachte dies zumindest schon, nicht wahr? Und gleichzeitig ist dies der Titel eines Buches von Tommy Jaud: "Einen Scheiss muss ich - Das Manifest gegen das schlechte Gewissen". Der Autor und Comedy-Experte von Büchern wie "Vollidiot" und "Hummeldumm" schreibt frech, das wissen wir. "Comedy-Experte" steht übrigens so hinten auf dem Buch, ist keine Erfindung von mir. Ein schlechtes Gewissen hingegen, könnte man glauben, ist durchaus meiner Schöpferkraft entkrochen ...

Ständig habe ich ein schlechtes Gewissen, vermutlich mindestens einmal pro Tag ... weil:
- ich hätte mehr arbeiten können,
- der Haushalt könnte aufgeräumter und sauberer sein,
- heute schon wieder kein Englisch gebüffelt,
- meine Mami, meinen Papi oder mein Gottikind habe ich nicht angerufen,
- ich muss mir mehr Zeit für Sport nehmen ... oder Entspannung ... noch besser Sauna,
- iss gesünder,
- trink mehr Zitronenwasser,
- sei verständnisvoller,
- und überhaupt, weiss wer will, was alles noch in diese Liste gehört.

Da kommt mir Jauds "Manifest gegen das schlechte Gewissen" gerade recht. Wie wertvoll kann ein Buch meinem schlechten Gewissen gegensteuern, das mit Nutzungsbedingungen beginnt?! *Stirnrunzel* 

Knastszene zu Beginn. Der Kerl ist ziemlich comedy ..., denn ein paar Seiten weiter erklärt er, warum Alkohol trinken das neue Facebook sei. Der Typ bringt neben dem ganzen Witz tatsächlich eine schlüssige Logik auf die Reihe, die es zu lesen lohnt. Darauf schiebe ich das Zitronenwasser zur Seite, zumindest für heute, und schenke mir ein Glas Zinfandel ein - zum Wohl Jaud!

Nachdem die erste Begeisterung verflogen ist, beginnt der Klamauk mich zu beissen. Manche Thesen von Jaud sind tatsächlich grottenschlecht recherchiert - oder bewusst verdreht, damit seine Argumente aufgehen? Im Kapitel "Da muss ich mehr von essen!" stolpere ich endgültig. Natürlich muss er nicht, im Gegenteil. Soja und Tofu - Jaud alias Sean Brummel schreibt massiv dagegen. Dabei vergisst er, dass etwa 80% der Soja-Importe in Rindermägen landen. Jaud hasst Soja, Jaud liebt Rind - Rind frisst Soja, Jaud isst Rind ... *Schmöcksch*es*

Von da an blättere ich nur noch im Buch und lese stellenweise. Erneut weiss ich nicht so recht: Ja, manchmal hat er durchaus was, der Jaud. Manchmal ist es aber nichts weiter als Bla. Effekthascherei. Und als er auf Seite 239 den Film "Dirty Dancing" in die Tonne haut, ist der Protagonist Sean Brummel für mich endgültig ein Banause. Hey, Sean, bei Romantik geht es nun mal seltenst um ausgeprägten Realitätssinn! *Schmöcksch*es*!* Ich klappe den Jaud zu.

Blau leuchtet das reisserische Taschenbuch mir entgegen, scheint mich höhnisch auszulachen ... habe ich zu früh kapituliert? Gewonnen, ich nehme es nochmals zur Hand, blättere ziellos und bleibe hängen an: "Keine Meinung zu haben, macht auch keine Arbeit." ... Ich habe nun wirklich eine Meinung. Genau. Einen Scheiss muss ich! Auch nicht fertig lesen ...

Dürfen darf ich aber. Und so hänge ich das Kapitel "Ich muss eine Familie gründen!" noch an und lache wieder köstlich ... ach, macht doch, was ihr wollt, liebe Leute da draussen. Empfehle ich dieses Buch? Oder nicht? Einen Sch... werde ich tun ... Und das sage ich ganz ohne schlechtem Gewissen. Sean Brummel alias Tommy Jaud wirkt also. Erschreckend. Erstaunlich. Keine Ahnung.


Zum Wohl: Tanja liest Jauds "Einen Scheiss muss ich".


Montag, 7. November 2016

Juhuui: Novemberkälte, Novembermelancholie, Novemberschwere ...

Novemberkälte, Novembermelancholie, Novembergrau, Novemberschwere ...

Novemberkälte:
Gestern stapfte ich durch den ersten Schnee, rein in eine warme Stube, gemütliches Beisammensein mit Freunden im Bergrestaurant Ruchweid auf über 1000 Metern über Meer. Dort gibt es stets etwas Feines zu essen und einen edlen Tropfen.

Novembermelancholie:
Heute packt mich die Melancholie. Weiss der Kuckuck, woher die angeflogen kam. Grundlos, wie mir scheint. Keineswegs bin ich montagsfühlig. Montag ist für mich ein guter Tag - wie alle anderen Tage auch. Ich schreibe für einen Auftraggeber und stelle mit Staunen fest: Die Melancholie formt meine Worte mit, beeinflusst sie, schenkt ihr noch mehr Tiefe - und das auf eine positive Art! Meine Kreativität gräbt trotz Melancholie scheinbar leicht und bringt Passendes hoch auf die Tastatur.
Stimmungen beeinflussen die Arbeit, bei Kreativem sowieso, das ist mir klar. Dennoch finde ich es ziemlich erhellend, wie Schweres sich so strahlend entfalten kann. Irgendwie eigenartig.


Novembergrau:
Haben Sie jemals einem Reh gelauscht, das durch den Nebel schreit? Da denkst du glatt, jemand wird abgeschlachtet. Das Novembergrau hüllt ein, ist geheimnisvoll, mystisch, manchmal etwas unheimlich - vor allem, wenn kaum was zu sehen, aber ganz viel zu hören ist.
Als wir aus der warmen Stube treten, den Bauch wohlig gefüllt, ist die Aussicht wieder da. Das Novembergrau hat seinen Teppich etwas gehoben und der Zürichsee blickt uns kühl und edel entgegen. Ich mag es, wie das Novembergrau die Natur immer wieder neu verhüllt, manches zeigt, wieder den Augen nimmt - ganz wie es will.


Novemberschwere:
Die Männer montierten gestern mitten im Wald Schneeketten, ich sass im warmen Auto. Der schwere Schnee krachte von den ächzenden Bäumen aufs Autodach. Schwere. Sich fallen lassen. Als Mädchen liess ich mich früher rücklings in den ersten Schnee fallen, wedelte mit Armen und Beinen, um einen Engelabdruck zu formen.
Schneeketten sind dran. Wir fahren weiter, parken oben auf dem Hügel, wandern hinab zum Bergrestaurant. Der erste Schneeball fliegt mir um die Ohren. Ich kralle mir eine Handvoll und forme meine Gegenwehr. Wir lachen. So schnell wird Schweres engelhaft, ganz leicht und lustig...


Und so sagt eine ausgesprochene Sommermenschin plötzlich:
Wie schön sind doch Kälte, Melancholie, Grau und Schwere!
Juhuui, willkommen im November.


Unsere Fahrspuren im ersten Schnee

Novembergrau ist gnädig und enthüllt den Zürichsee.