Mittwoch, 26. Juli 2017

Moon&Stars - auf die Schuhe kommt es an!

Nach mehrjähriger Pause war ich dieses Jahr wieder einmal am Moon&Stars in Locarno. Piazza Grande, mitten zwischen den prächtigen Häusern, gute Musik – das alles ist echt romantisch ...

... sofern man die richtigen Schuhe trägt. Die Pflastersteine sind in keinster Weise so, wie man sie sonstwo in der Schweiz kennt. Nicht an den Seiten eckig und oben flach, sondern irgendwie auf alle Seiten uneben und rund, fast etwas gemein spitz. Und – spätestens nach den ersten 90 Minuten der Vorgruppe – schmerzen die Füsse. Wenn Du Glück hast! Mit etwas Pech spürst Du die gesamten Beine bis hinauf in die Hüften und den Rücken. *Autsch*

Tja, was soll ich sagen, spätestens auf diesem Boden merkst Du, dass Du eben nicht mehr 20ig bist. Sofern Du es eben wirklich nicht mehr bist. So wie ich.
Am Programm wird mein Alter auch deutlich. Längst kenne ich nicht mehr alle Musiker. Eigentlich kenne ich fast nur noch die «alten Hasen», welche die Bühne trotzdem noch genial rocken.

Nun fertig geklönt. Was gibt es noch über dieses berühmte Musikfestival zu berichten? Der Sternenhimmel im Tessin (Moon&Stars – der Name verpflichtet?) ist immer besonders schön und das Wetter hielt auch an meinen beiden Konzertabenden.

Trauffer, dann Gölä
Tom Odell, dann Sting
Der Erste und der Letzte gefielen mir am besten. Sting packte endlich seine alten Songs aus, auch jene von Police, und sang mit einem seiner Söhne im Duett. Stark.
Er – Sting, nicht der Sohn – sieht übrigens blendend aus. Wenn ich mit 66ig noch ähnlich fit bin, steh ich noch lange freiwillig stundenlang auf die Piazza. *Ich*schwör*

Kulinarisch ist das Moon&Stars noch strenger geworden. Eine ganze «Street» voller Ess- und Trinkstände führt von der Piazza bis fast an den See, gekrönt von einem Riesenrad. Esst euch da mal durch – halleluja. Lounges gibt es da und eine kleine Bühne, auf der ab dem frühen Abend und nach dem Hauptkonzert ebenfalls coole Musiker spielten 
 ohne Eintritt. Die Kalorien werden bei der Standing Ovation auf der Piazza und beim Schlumi danach wieder abgetanzt. Das Moon&Stars ist richtig, richtig ausgewachsen und erwachsen geworden, durchorganisiert. Das ist weder gut noch schlecht, einfach anders, wie ich finde.

In welchem Hotel ich logierte (es ist uu extrem praktisch nah!), verrate ich nicht. Denn ich will nächstes Jahr wieder ein begehrtes Zimmer ergattern. Locarno ist nie derart ausgebucht wie während des Moon&Stars. Alle verdienen daran, ein mega Event, auch die Hotels sind teurer als sonst. Aber, mal ehrlich, was soll's? Wenn es das Erlebnis selbst wert ist, dann zücken die Musikfreunde ihre Portemonnaies. Ich auch.

Eins der Highlight kam jedoch ganz ohne Bass und Trommel daher, ganz unscheinbar. Wir waren essen, bei einem mürrischen Vermutlich-über-70ig-Jährigen, und in einer Beiz, die mehr an eine Brockenstube erinnert. Hey, und wir sassen nur im Garten. Unglaublich, was der alles an die Wände und an die Balken hämmerte, vom alten Gemälde bis zum Rechen. Es gibt nur ein Menü. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Zuerst sind dies zwei ganze Salami und davon schneiden wir ab, so viel wir wollen. Salat gibt’s dazu und der schmeckt oberlecker. Penne mit einer Art Bolognese als Hauptgang. Dann wieder ein Brett, dieses Mal mit überdimensionalen Käselaiben (Selbstbedienung, das Messer liegt da). Ich könnte reinkriechen, so gut schmecken die Käse. Ein Blech mit einem Süssgebäck folgt (abschneiden, wenn noch was in den strapazierten Bauch passt) sowie drei Flaschen «Verdauerli»: Limoncello, Nocino und ein Grappa. Selber einschenken. Habe ich schon erwähnt, dass der Hauswein (es gibt den, der auf dem Tisch steht, basta) war auch köstlich. Gezahlt haben wir für dieses sensationelle Mahl dreimal Nichts – oder so ähnlich. Und das in der Schweiz. Leute, zieht es euch rein: Grotto Baldoria in Ascona. 
Hier kommt es nicht auf die Schuhe an, sondern auf den Hunger.

Street für Drinks, Food & more Music @moonandstars

Sting @moonandstars am Montag, 19. Juni 2017
Viel 
«Police» live, genial!

Fragen hilft auch nicht. Gegessen wird im  Grotto Baldoria in Ascona,
was auf den Tisch kommt.
Amen.









Sonntag, 23. Juli 2017

Unbroken – Oder was schuldet mir das Leben?

Ein Film wie ein Erdbeben. Erschütternd, prägend. Das Leben tickt für mindestens eine Weile in einem anderen Rhythmus. Das Gleiche kann dank einem Buch geschehen, oder einem Gespräch. Bei mir war es neulich dieser Film: «Unbroken».

Keine Fiktion, basierend auf echtem Leben. Und ich fragte mich während des ganzen Films: Wie viel Leid und Schmerz kann ein Mensch aushalten? Wann brechen sein Körper, seine Seele, sein Geist?
Der Olympia-Athlet Louis Zamperini hielt mehr aus als so mancher von uns. Kostprobe? Nach einem Flugzeugabsturz 45 Tage treiben auf offenem Meer – 3 Männer, zwei Gummiboote, kein Proviant, dafür unbarmherzige Sonne und gefrässige Haie. Gerettet werden die drei vom Feind, den Japanern. Gefangenenlager mit unendlichen Schikanen, quälendem Hunger, elendigem Dreck, brutaler Folter. Arbeitslager im Kohleverlad, schleppen und schuften bis zum Umkippen ...

Wann ist genug? Keiner weiss, wie er in solchen Situationen reagieren oder überleben würde. Ausser er muss. Mir war dieses Leid bereits auf dem heimeligen Sofa genug. Und ich war mir sicher: Ich hätte die erlösende Kugel längst provoziert  solche Schmerzen über viele Jahre ist mir das Leben nicht wert! Ich hätte meines aufgegeben, eingetauscht gegen Frieden. – Oder doch nicht? Wer weiss das schon.

Was schuldet das Leben mir? 
Liebe – Reichtum – Sonnenschein? Gesundheit – Familie – Freude?
Ewiges Leben für uns und unsere Liebsten?

Einige Monate ist es her, da hörte ich im Radio, Angehörige der Opfer der Germanwings-Tragödie würden bei der Fluggesellschaft Schmerzensgeld einklagen.
Trägt die Fluggesellschaft die Schuld? Hätte das Austicken des Piloten, welcher das Flugzeug in den Berg steuerte, verhindert werden können? Nicht ins Flugzeug einsteigen. Sind Flugzeuge nicht IMMER gefährlich? Autos auch. Sogar mein Velo. Einfach zu Hause bleiben?

Vor einer Weile zitterte unser Zuhause: Erdbeben. Wer zahlt bei einem solchen Unglück, wenn das Haus über allem zusammenkracht, Schmerzensgeld? Wen können wir dafür belangen? Die Versicherungen, das Schicksal, Gott?
Sind Tragödien verhinderbar? Manche, manchmal, vielleicht.

Wer trägt die Schuld am Tod? – Das Leben?
Wer trägt die Schuld an Schmerzen? – Oft wir Menschen.

Jede Tragödie bleibt und prägt. Mit oder ohne Schmerzensgeld.
Schmerzensgeld  was für ein schreckliches Wort. Als ob Geld Schmerzen heilen könnte. Keine Ahnung, ob Zamperini Schmerzensgeld erhalten hat. Als Kriegsveteran wohl eine Rente. Aber was ist mit seinem Seelenheil? Vertreibt Geld böse Träume und Erinnerungen? Lindert es Ängste? 
Was für ein Quatsch.

Schuldet das Leben mir etwas? Oder irgendjemandem?
Ich bin der Meinung: nein! Nichts.
Nicht einmal die Luft zum Atmen.

Ist nicht vielmehr alles Gute und Schöne ein Geschenk?
Wenn das Leben schenken möchte. Manchmal will es nicht. So ist das Leben.
Es schuldet mir nichts.
Zamperini wertschätzte das Leben wohl viel mehr als ich, wird mir bewusst. Nicht umsonst hatte er all das durchgestanden und überlebt. Er liebte das Leben.
Und in mir kriecht Scham hoch. Wie kann ich es nur wagen, das Leben nicht zu lieben?! Wie kleinlich sind doch meine Nörgeleien  und auf welch hohem Niveau! Bin ich denn verrückt?

Zamperini selbst erlebte die Premiere des Films «Unbroken» nicht mehr. Er starb im Alter von 97 Jahren.

Die Frage bleibt: Was braucht es, um einen Menschen zu brechen?
Wohl mal mehr, mal weniger.
Ich schaue mich um  und bin einmal mehr dankbar.

Trailer: «Unbroken»:



Printscreen aus dem Trailer «Unbroken»


Donnerstag, 13. Juli 2017

Herzchen, kauft jemand, was Sie schreiben?

Was macht eigentlich einen Bestseller aus?
Wüssten wir dies so genau, würden wir den Bestseller einfach schreiben. Punkt. Können wir Schreiberlinge aber nicht. Während des Schreibprozesses ist alles möglich, vom Flop bis zum Bestseller. Die Verkaufszahlen von Büchern sind auf rasanter Talfahrt. (Haben wohl einen Schlitten unter dem A.). Dieses Jahr ist es noch schlimmer als 2016. Was kommen mag, wissen weder Autor, Lektor oder Verlag. Niemand. Als Schreiberling spielst Du täglich Lotto.

Klar, gewisse Zutaten sind beste Voraussetzungen für Bestseller. Total angesagt ist Chick-Lit, ausgedeutscht: Chicken-Literatur. Wikipedia definiert: «leichte Frauenliteratur». Also: viel Romantik, deftiger Herzschmerz, reizende Erotik und triefendes Drama – mit Happy End. Alles gemischt, ergibt einen prickelnden Stoff, welche von Frauen massenhaft verzehrt und begehrt wird. Chick-Lit verkauft sich am besten  *das*pickt*keis*Huehn*weg*  so ist es einfach. Dicht auf den Fersen gefolgt von Thrillern. Ich schreibe beides nicht.

Dafür habe ich mir bewusst Bestseller «reingezogen». Zwei sogar, einen aktuellen und einen alten …

Aktuell:
«Dem Horizont so nah» von Jessica Koch ist der 1. Teil der «Danny-Trilogie» und erzählt die Geschichte von den jungen Menschen Danny, Tina und der Protagonistin Jessica. Angepriesen wird das Buch als «Geschichte einer grossen Liebe». Ungewöhnlich ist sie, bewegt und berührend, erzählt von Verzweiflung, Krankheit, Missbrauch und Schmerz, aber auch von Kraft, Mut, Vertrauen und unbändigem Willen. Jessica Koch schreibt süffig, erstaunlich locker-flockig, auch wenn der Inhalt oft ernst und traurig ist. Zu wenig schlüpfrig oder prickelnd für Chick-Lit, und dafür wohl auch zu tragisch. Ich mochte die Lektüre. Gefunden habe ich sie als E-Book in den vordersten Rängen bei Amazon. Verdient, wie ich finde. So etwas will das grosse Publikum – welches hauptsächlich aus weiblichen Lesern besteht. Die Anziehungskraft kann ich durchaus nachfühlen.

Damals:
Truman Capote verkaufte schätzungsweise 300 Millionen Bücher, die Hälfte davon zu seinen Lebzeiten vor 1984. Sein «Breakfast at Tiffany’s» erschien erstmals 1958. 59 Jahre später habe ich es auch noch geschafft. Ich las «Frühstück bei Tiffany».

«Na, Herzchen, kauft irgendjemand das, was Sie schreiben?»
«Noch nicht.»
«Ich werde Ihnen helfen», sagte sie …
(Seite 39, «Frühstück bei Tiffany», Truman Capote)

«Sie» ist die faszinierende, geheimnisvolle, schöne Holly, Hauptperson in Capotes Bestseller. Die Sprache ist weit entfernt von Chick-Lit, kunstvoller, präziser, voller, klassischer. Wegen ihr mochte ich die Lektüre. Nicht wegen Holly, denn Hollys gibt es heute viele. Sie würde 2017 niemanden erstaunen oder beeindrucken. Damals hat sie aber wohl eine Spur neben dem Schicklichen getickt und polarisiert. Die Lektüre schenkt Geborenen nach 1950 einen Eindruck, wie es damals war, in den rauchigen Baren von New York und den engen Backsteinhäusern. Ein Hauch Historie schwebt da schon mit. Die Verfilmung mit Audrey Hepburn ist wiederum eine eigene Rezension wert ...

Echte Chick-Lit wollte ich mir schon antun, schaffte es aber nur über wenige Seiten. Ich tanze da wohl als Leserin aus der Reihe. Damit kann ich leben.

Fazit:
Nicht nur im Vergleich dieser Bestseller fällt mir auf: Die Sprache scheint zu verblassen, die Storys werden hingegen bunter. Und rasanter. (Haben alle einen Schlitten unter dem A.??) Wie finde ich das? Voll okay. Die Verwandlung, nicht den Schlitten. Sind sie gut geschrieben, mag ich die damaligen wie die heutigen Bestseller.
Besser ... schlechter?
Einfach anders.
«Best»-seller, eben.



Sonntag, 25. Juni 2017

Party-Weichei hardboiled

Andere stehen beruflich den ganzen Tag in der Küche oder organisieren täglich neue Partys.
Ich nicht.
Ich bin weder Küchen- noch Partymensch. Beides nicht meine Reviere.
Worte, Sätze  ja, da kenne ich mich aus. Jeden Tag und gerne bis zum Abwinken. Das ist eindeutig mein Revier.
Und doch habe ich es getan, ich ging revierfremd: Zweimal war ich neulich im OK von grossen Geburtstagsfeiern.
Das letzte Mal gestern.

Schon krass, was alles machbar ist, wenn man es möchte.
Zig Salate, Kuchen und Apéro-Gebäck. Noch schnell ein Zelt aufgestellt, Tische geputzt, Wein in den Kühler. Und zwischendurch lächeln und plaudern mit den Gästen. Bei beiden Festen waren über 40 Eingeladene.
Spass machte es! Lecker war es auch. Keiner hat Bauchweh gehabt, hoffe ich doch. Höchstens ich vor lauter *Zabbelei*. 
Und ich freue mich bereits auf die nächste Sause.

Aber echt, lasst mich heute bitte einfach schlafen. Morgen auch.
Und wer weiss, vielleicht noch nächste Woche. > Geöffnet nur für Geschriebenes.
Ich bin ein Party-Weichei, momentan wohl um die 3 Minuten gekocht. Immerhin: Weicher werde ich nicht mehr und ich arbeite daran.
Versprochen.

Big Party for little Weichei: Geburtstagsfeier in der Waldhütte

Montag, 19. Juni 2017

DM: mit tiefem, euphorischem Schmerz ...

Mit DM meine ich nicht etwa den Deutschen Drogerie-Markt, sondern die legendäre Synthie-Pop-Gruppe: 

Depeche Mode

Seit 30 oder 35 Jahren begleitet ihre Musik wohl die meisten der 30'000 Konzertbesucher, welche gestern im Zürcher Stadion Letzigrund einen intensiven DM-Abend feierten. Verrückt.

Während sich die Gänsehautmomente auf meiner Haut jagten, fragte ich mich: 
Was macht diese Wucht aus?
Was ist das Geheimnis der Jungs?

«Erfolgreichste Elektronikband aller Zeiten», schreibt Wikipedia.
«Schwer euphorisierend» und mit «Trance» bejubelt der Tages-Anzeiger sie aktuell in der Konzertkritik.
Ja! Ja.

Der Erfolg von Depeche Mode hat meiner Meinung nach eine Kehrseite, die sie – verrückterweise – wiederum so erfolgreich macht: 

Schmerz

Der puschende, peitschende Synthie-Sound bekräftigt den wahren Schmerz in den DM-Songs – live noch intensiver als ab Platte. Dave Gahan windet sich auf der Bühne in seinem Gesang. Der ist derart emotional aufgeladen, dass er mitten in die Brust trifft, tief einsinkt und dort berührt – den eigenen Schmerz, die eigene Lust in dieser Kraft.

Mir treibt es Tränen in die Augen. Mitten unter 30'000 Tanzenden, denen es vermutlich ähnlich geht. Meine Hände singen mit, meine Lippen, alles an mir und in mir feiert diese Wucht.

Wut, Trauer und vor allem ganz viel Power steigen auf.
«But before you come to any conclusions
Try walking in my shoes»
Jawohl, *dami*, ist doch wahr.
Auflehnung.
Der hämmernde Rhythmus peitscht mich auf.
Treibt voran.

Selbst Schönes besingt Depeche Mode mit Schmerz, zum Beispiel, wenn der sanftere Martin Gore am Mikrofon steht. Schmerzlich schön, allgegenwärtig und durchziehend.
Es macht mich fertig. Auf eine gute Art.

Und immer wieder fällt mir auf, wie viel Schönes in emotionalem Schmerz steckt. In ihm pulsiert eine Kraft, rebellierend, rhythmisch, überlebensstark,  ... wohl auch für diese Band über so viele Jahre. Ist der Schmerz ihr Geheimnis? Ihre Schmerzfähigkeit?

Schmerz der Liebe.
Schmerz der Jugend. Damals. Und jetzt, wo sie vorbei ist.
Verlust.
Verrat.
DM: «Wrong»
Verlorene Wünsche.
Begrabene Träume.
Alles da.
DM: «I feel you»
Mit Depeche Mode.
Hey, und wir alle hier im Stadion leben noch.
Das feiern wir.

«Never let me down again.»